"Ohne die Bilateralen würde die kleine Schweiz langfristig kulturell verkümmern."
Wie bedeutend es ist, Brücken zu bauen und wieso Kultur Gesellschaften verbindet – mehr dazu im Gespräch mit Rosmarie Quadranti
Täglich werden wir alle, ob wir wollen oder nicht, mit neuen Negativ-Schlagzeilen aus der Welt konfrontiert. Einer Welt, die von Unsicherheiten, Polarisierungen und Spannungen geprägt ist. Da tut es gut, sich in einem ruhigen Moment auf das Wichtige und Schöne zu besinnen. So beispielsweise auf den unschätzbaren Wert einer guten Partnerschaft zwischen der Schweiz und ihren europäischen Nachbarländern. Sie ist ein kraftvolles Zeichen für Solidarität und Weiterentwicklung und vermittelt Werte, die in Zeiten geopolitischer Herausforderungen zunehmend wichtig werden: Das Streben nach gemeinsamem Wohl, das Überwinden von Differenzen und das Bekenntnis zu einem Miteinander, das über Grenzen hinaus geht. Wie bedeutend es ist, Brücken zu bauen und wieso Kultur Gesellschaften verbindet, weiss auch Rosmarie Quadranti. Als Präsidentin des Vereins +CULTURA, des Dachverbands der Interessenverbände der Schweizer Kulturinstitutionen, hat sie eine wichtige gesellschaftliche Funktion inne.
Frau Quadranti, was bedeutet der bilaterale Weg Ihnen persönlich?
Für mich setzt er einerseits ein klares Zeichen gegen Abschottung und andererseits ein Ja zu einer solidarischen Gemeinschaft. Gerade in der heutigen Zeit sind derartige Zeichen noch wichtiger geworden.
Auf Ihrer Webseite betonen Sie, dass Ihnen eine lebendige Gesellschaft wichtig ist, die Freude an ihrer kulturellen Vielfalt hat. Welchen konkreten, sozialen Mehrwert bietet uns die Kultur in der Schweiz, vielleicht auch gerade als Frau?
Kultur ist sehr vielfältig und bereichert das tägliche Leben auf unterschiedlichste Weise, indem sie beispielsweise den Menschen neue Perspektiven, Traditionen, Feste, Musik, Kunst und Kulinarik näherbringt. Dies fördert die persönliche Weiterentwicklung und schafft eine lebendigere, abwechslungsreichere Gesellschaft. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe bringen auch neue Denkweisen mit sich und leisten so einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Respekt und Verständnis – und zwar über die Landesgrenzen hinaus. In den Jahren der Corona-Pandemie haben wir konkret zu spüren bekommen, was es bedeutet, wenn das kulturelle Leben fast zusammenbricht. Kultur verbindet in allen Gesellschaften und ist wichtiger Teil eines lebenswerten Lebens.
Frauen haben das kulturelle Leben der Schweiz schon lange mitgeprägt. Sie sind insbesondere in den Bereichen Theater, Film und Musik sehr aktiv, sowohl als Künstlerinnen als auch als Produzentinnen, Regisseurinnen und Unternehmerinnen. Die Frauen in diesen Bereichen tragen zu einer vielschichtigen und dynamischen Kulturlandschaft bei. Ohne sie wäre die kulturelle Vielfalt deutlich weniger ausgeprägt.
Sie haben sich in der Vergangenheit bereits dahingehend geäussert, dass Sie die kulturelle Vielfalt als einen zentralen Teil unserer Schweizer DNA sehen. Weshalb ist die Kultur dennoch auf eine enge Zusammenarbeit mit Europa angewiesen, respektive wieso braucht sie die Weiterentwicklung des bilateralen Wegs überhaupt?
Die Schweiz ist zum Glück keine Insel mitten in Europa. Und weil sie das nicht ist, kann die kulturelle Vielfalt in der Schweiz nur erhalten bleiben, wenn wir ein gutes Einvernehmen mit unseren Nachbarn haben. Die Kultur ist äusserst sozial und lebt von Menschen, vom regen Austausch, von Netzwerken und von der Kommunikation. Wollen wir unsere kulturelle Vielfalt behalten, so brauchen wir den Austausch, das Miteinander. Und zwar über die Grenzen hinaus. Nur so können wir uns stetig weiterentwickeln.
Und genau da liegt aktuell das Problem. Solange die Beziehungen zwischen unserem Land und der EU nicht geklärt sind, bleiben Schweizer Kulturschaffende von den europäischen Netzwerken ausgeschlossen. Folglich werden wir nie richtig informiert sein, wir sitzen nicht mit am Tisch und können mitreden und wir hinken allen Weiterentwicklungen hinterher. Ohne die Bilateralen bleiben wir auf unserer Insel gefangen. Langfristig würde die kleine Schweiz kulturell verkümmern.
Es ist an der Zeit, zusammen für eine faire Zukunft und eine nachhaltige Europapolitik einzustehen. Denn sie bietet uns Frauen so viele Möglichkeiten! Je mehr Frauen, desto lauter sind wir!